Referenzzinssätze wie der Libor oder Euribor existieren bereits seit Jahrzehnten. Die meisten Referenzzinssätze stellen einen durchschnittlichen Zinssatz dar (oder beziehen sich auf einen durchschnittlichen Zinssatz), zu dem Banken bereit sind, sich gegenseitig Kredite zu gewähren. Sie werden sodann von Teilnehmern am Finanzmarkt etwa zur Berechnung variabler Zinssätze bei Krediten oder Finanzinstrumenten herangezogen. Als Benchmark-Zinssätze für Verträge mit einem Volumen von Hunderten Milliarden Dollar spielen sie eine wichtige Rolle auf den Finanzmärkten.

Da sich auch die dezentralen, Blockchain-basierten Finanzmärkte rasant entwickeln, war es nur eine Frage der Zeit, bis ein Referenzzinssatz für Ethereum aufkommen würde, der wohl wichtigsten Blockchain für die dezentrale Finanzindustrie. Dies ist nun geschehen. Für das Ethereum-Netzwerk kann nun auf den ETH.STORE zurückgegriffen werden. Die Abkürzung steht für Ethereum Staking Offered Rate. Der ETH.STORE bildet den durchschnittlichen Ertrag ab, den Validatoren im Ethereum-Netzwerk in einem Zeitraum von 24 Stunden erzielt haben. Er repräsentiert damit eine Art Basis-Rendite, von der man erwarten kann, sie durch das Staking von Ether zu erzielen. Damit lässt sich ermitteln, wie vorteilhaft die Konditionen eines auf Ether basierenden Finanzprodukts tatsächlich sind. Orientieren sich die Konditionen eines in Ether notierenden Finanzinstruments am ETH.STORE, können Marktteilnehmer Risikoprämien einkalkulieren (und auch klar ausweisen), was insgesamt zu einem transparenteren Markt führen kann.

ETH.STORE wurde von der bitfly-Gruppe konzipiert. Bitfly betreibt den weltgrößten Mining-Pool für Ethereum, Ethermine, und darüber hinaus auch Blockchain-Explorer wie Etherchain und Beaconcha.in. STADLER VÖLKEL beriet bei dieser Innovation.

ETH.STORE wird täglich neu berechnet. Die von bitfly errechneten Ergebnisse werden auf ihrer Website veröffentlicht.

Der Quellcode, der zur Berechnung von ETH.STORE dient, wurde als Open Source veröffentlicht und ist auf Github verfügbar. Der ETH.STORE steht somit jedem zur freien Verfügung, der ihn als Referenzzinssatz für eigene Finanzprodukte verwenden möchte. Im Gegensatz zu den auf dem traditionellen Finanzmarkt verwendeten Referenzzinssätzen wie etwa Libor oder Euribor ist der ETH.STORE nicht von einer zentralen Stelle wie einer Zentralbank abhängig. Er ist vollständig marktgesteuert und für jedermann objektiv überprüfbar.

Die Formel zur Berechnung des ETH.STORE lautet:

In diesem Artikel erklären wir die Formel und beschreiben Schritt für Schritt, wie der ETH.STORE berechnet wird. Wir werfen auch einen Blick auf den Quellcode, der zur Berechnung des ETH.STORE dient. Veranschaulicht wird die Berechnung durch ein Beispiel, das für jeden nachvollziehbar ist. Um die Funktionsweise des ETH.STORE zu verstehen, ist ein gewisses Grundwissen über Ethereum und das bevorstehende Upgrade erforderlich, auch bekannt als Ethereum "2.0". Einen allgemeinen Überblick zu diesen Themen finden Sie hier.

Schritt 1: Ermitteln, welche Epochen an einem Berechnungstag verarbeitet wurden

Wie oben beschrieben, wird der ETH.STORE für jeden Tag neu berechnet. Der erste Schritt zur Berechnung ist daher, zu bestimmen, welche Epochen in den Berechnungstag einzubeziehen sind. Epochen sind Maßeinheiten bei Ethereum, die aus jeweils 32 Slots besteht. Ein Berechnungstag bildet einen 24-Stunden-Zeitraum, der um 12:00:23 UTC beginnt und am nächsten Tag um 12:00:22 UTC endet. Da eine Epoche 6,4 Minuten dauert, setzt sich jeder Berechnungstag aus 225 Epochen zusammen. Ein Berechnungstag beginnt übrigens 23 Sekunden nach 12:00 Uhr UTC, da zu diesem Zeitpunkt die Genesis Epoch von Ethereums Beaconchain erstmalig verarbeitet wurde.

Die erste Epoche eines Berechnungstages ist die erste vollständige Epoche, die am (oder nach dem Start des) Berechnungstag(es) beginnt. Die letzte Epoche eines Berechnungstages ist jene abgeschlossene Epoche, die 224 Epochen (somit 24 Stunden) später auf der Ethereum Beaconchain abgewickelt wird. Es werden bei der Berechnung also keine Epochen übersprungen oder unberücksichtigt gelassen.

Der Code in der Programmiersprache Go (wie auf Github veröffentlicht), mit dem berechnet wird, welche Epochen für einen bestimmten Berechnungstag heranzuziehen sind, lautet:

Für unsere Beispielrechnung werden wir den ETH.STORE für jenen Berechnungstag bestimmen, der am 1. August 2022 um 12:00:23 UTC begann. Der Quellcode verrät uns, dass die Epoche 136800 unsere erste Epoche für den Berechnungstag ist. Ein Blick in den beaconcha.in-Explorer bestätigt, dass die erste abgeschlossene Epoche am (oder nach 12:00:23 des) 1. August 2022 tatsächlich Epoche 136800 war. Die letzte Epoche des Berechnungstages, somit 224 Epochen nach der ersten Epoche, war Epoche 137024. Der betroffene Berechnungstag umfasst somit die Epochen 136800 bis 137024.

Schritt 2: Ermitteln, welche Validatoren während des gesamten Berechnungstages aktiv waren

Anschließend werden jene Validatoren ermittelt, die während des gesamten Berechnungstages aktiv waren. Validatoren, die nach der ersten Epoche eines Berechnungstages aktiviert werden und auch Validatoren, die vor dem Ablauf der letzten Epoche eines Berechnungstages ausscheiden, werden nicht in die Berechnung miteinbezogen. Damit soll sichergestellt werden, dass der ETH.STORE den durchschnittlichen Ertrag wiedergibt, den ein Validator erwarten kann, der den gesamten Berechnungstag hindurch aktiv war.

Dieser Schritt ist im Quellcode folgendermaßen umgesetzt:

Übersetzt in menschliche Sprache, erfüllt der Quellcode folgende Aufgaben:

  1. er ermittelt zunächst die eindeutige Indexnummer aller Validatoren, die in der ersten Epoche des Berechnungstags aktiv waren;
  2. anschließend fragt der Code ab, ob einer dieser Validatoren vor dem Ablauf der letzten Epoche ausgeschieden ist.

Um auf unser Beispiel zurückzukommen: Für jenen Berechnungstag, der am 1. August 2022 begann, hat der Quellcode 411.524 Validatoren ermittelt, welche während des gesamten Berechnungstages aktiv waren.

Schritt 3: Berechnung der Consensus Rewards, Transaction Fees und Effective Balance der Validatoren

Validatoren erhalten Consensus Rewards und Transaction Fees für ihre Tätigkeit. Die Consensus Rewards und Transaction Fees bilden gemeinsam die Total Staking Rewards, welche den Zähler in der Formel zur Berechnung des ETH.STORE bilden (siehe Schritt 4 unten). Consensus Rewards sind Belohnungen, die Validatoren gemäß den Konsensregeln des Ethereum-Netzwerks erhalten. Transaction Fees sind Gebühren, die Validatoren für die Abwicklung von Transaktionen erhalten. Die Total Staking Rewards werden berechnet, indem die Summe aus allen Consensus Rewards und Transaction Fees gebildet wird, welche die (am Berechnungstag) aktiven Validatoren erhalten haben.

Unter Effective Balance wird der ETH-Saldo eines Validators verstanden. Diese Effective Balance ist von der Current Balance eines Validators zu unterschieden, die lediglich Auskunft über den Gesamtbetrag der vom Validator gehaltenen Ether gibt. Die Effective Balance eines Validators kann nie höher als 32 Ether sein und ist immer ein Vielfaches von einem Ether, jeweils abgerundet. Beträgt die Current Balance eines Validators beispielsweise 28,7 Ether, so beträgt die entsprechende Effective Balance 28 Ether. Die Effective Balance eines Validators kann auch weniger als 32 Ether betragen, wenn beispielsweise Strafen aufgrund des Proof-of-Stake-Konsensmechanismus gegen den Validator verhängt werden. Die Total Effective Balance ist die Summe der Effective Balances aller aktiven Validatoren zu Beginn eines Berechnungstages. Dieser Wert wird ermittelt, indem der Quellcode nach den Effective Balances der einzelnen Validatoren fragt und davon anschließend die Summe berechnet.

Der Quellcode für die Berechnung der Consensus Rewards, Transaction Fees und Effective Balances der Validatoren lautet:

Für unser Beispiel berechnete der Quellcode, dass die in Schritt 2 identifizierten Validatoren am 1. August 2022 insgesamt 1.621.687.783.721 GWEI (somit 1.621,687783721 Ether) an Consensus Rewards und Transaction Fees erhalten haben. Diese Zahl bildet somit die Total Staking Rewards für unseren Berechnungstag.

Der Quellcode berechnet auch die Total Effective Balance mit 13.168.656.000.000.000 GWEI (somit 13.168.656 Ether).

Schritt 4: Alles zusammenführen

In den Schritten 1 bis 3 haben wir die einzelnen Bestandteile des ETH.STORE berechnet und dabei folgende Ergebnisse erhalten:

Erste Epoche: 136.800
Letzte Epoche: 13.7024
Aktive Validatoren: 411.524
Total Staking Rewards: 1.621.687.783.721
Total Effective Balance: 13.168.656.000.000.000

Der ETH.STORE kann nun berechnet werden, indem die Total Staking Rewards durch die Total Effective Balance dividiert werden. Daraus ergibt sich der ETH.STORE für den 1. August 2022. Es handelt sich folglich um einen per diem ausgedrückten Referenzzinssatz. Um ihn in der geläufigeren Form per annum auszudrücken, ist das Ergebnis lediglich mit 365 zu multiplizieren (ohne Berücksichtigung der Schaltjahre):

Der ETH.STORE für den am 1. August 2022 beginnenden Berechnungstag beträgt somit 4,49 % p.a.

Die Anwaltskanzlei hinter dem Projekt

Die Wiener Anwaltskanzlei STADLER VÖLKEL hat bitfly bei der Entwicklung des ETH.STORE rechtlich beraten. STADLER VÖLKEL ist eine auf Finanz- und Kapitalmarktrecht spezialisierte Wirtschaftskanzlei in Wien. Die Kanzlei berät regelmäßig Krypto-Pioniere und etablierte Akteure in Finance-, Kapitalmarkt- und Regulierungsfragen.

Das Beratungsteam bestand aus Dr. Oliver Völkel, LL.M. (Columbia), Gründungspartner, dessen Schwerpunkte Bank-, Finanz- und Kapitalmarktrecht sowie das Recht der digitalen Assets sind, und Bryan Hollmann, LL.M. (LSE), U.S. Counsel, welcher insbesondere Unterstützung in den Bereichen Kapitalmarktrecht und U.S. Securities Law leistete.

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